Dienstag, September 10, 2013

Kateryna Babkina - Essay und Vita (deutsch und englisch)



Kateryna Babkina 

 Die ukrainische Dichterin Kateryna Babkina (*1985, Ukraine) studierte Internationale Journalistik an der Nationalen Taras Shevtchenko Universität in Kiew und arbeitet seither als freie Journalistin. Sie schrieb Kolumnen für die Zeitung „Le Monde“ und das Magazin „Focus“.
Ihr erster Gedichtband “The Lights of St. Elmes” erschien 2002. Es folgte der Erzählband “Leloo after You” (2008) und der zweite Gedichtband “The Mustard” (2012). Kateryna Babkina ist Mitherausgeberin verschiedener Anthologien und Jahrbücher. Ihre Gedichte sind in verschiedene Sprachen übersetzt und erscheinen in Zeitschriften in der Ukraine, Russland, Polen, Deutschland und Schweden. Sie schreibt auch Drehbücher und Theaterstücke.
Sie ist zudem Regisseurin von Videos zu ihrer eigenen Poesie und Prosa sowie der verschiedener anderer moderner ukrainischer und europäischer Autoren. Ihre Arbeiten aus dem Projekt VIDEOPOETRY/VIDEOPROSE wurden auf verschiedenen Literatur- und Filmfestivals gezeigt, z.B. in Kiew, Moskau, Krakau, Vilnius und Valencia.


In Ihrem Essay sinniert sie über die unterschiedlichen Qualitäten der Begriffe "Europa" und "europäisch":


Das immer irgendwo ganz um die Ecke liegende Europa
Kateryna Babkina

In jeder Gesellschaft und in jeder Kultur sind die eine Zeit oder der eine Ort vorhanden, wo alles besser ist, als hier und jetzt, wo alles ehrlicher, einfacher, schöner ist. Es ist fast eine Paradiesanalogie; die es in jeder Religion, in jedem Glauben, in jeder sektantischen Lehre gibt. Bei uns erinnern sich die älteren Menschen an die sowjetischen Zeiten; und die ganz alten im Westen des Landes erinnern sich daran, wie es zu magischen „polnischen Zeiten“ war, was eigentlich eher einen Rückblick auf die Österreichisch-Ungarische Monarchie bedeutet. Früher soll genau dasselbe gesagt worden sein    dass es „vor dem Krieg“ gut war, „vor der Sowjetunion“, „zu Zarenzeiten“. Es gibt auch eine vereinfachte Version, die lautet: „in unserer Zeit dagegen“ – dieser Satzanfang kann praktisch alles Mögliche bedeuten. Außerdem gibt es territoriale Einheiten – „dort, wo ich großgeworden bin“, „in Kyiv dagegen“, „als wir in den USA arbeiteten“ etc.
Den ersten Platz unter all diesen hübschen, erlebten und beendeten,  räumlichen und lokalen Strukturen, wo alles besser als hier ist, besitzt bei uns zweifellos Europa,  kaum zu fassend, territorial und geistig, ein Europa, in dem fast jeder schon einmal war; es ist da, sobald du die Grenze passiert hast – und  du kommst an einen Ort, wo alles bestens ist.
In der Ukraine hat alles mit der Eigenschaft „europäisch“ seit langem schon einen fast sakralen Beiklang. Der Begriff „europäische Renovierung“, das nicht besonders viel mehr als weiß oder hell getünchte Wände, neues Bad, neue Steckdosen, Plastikfenster und Büroleuchten bedeutet, erhöht nach der schweigenden Absprache den Preis für die zu verkaufende oder zu mietende Fläche. In den Geschäften werden europäische Tapeten und europäische Vorhänge verkauft, was den Kunden verdeutlichen soll, dass die Tapeten bzw. Vorhänge gut sind. Die Apotheken bieten europäischen Service an, und die Universitäten europäische Ausbildung.  Wenn ein Autor oder eine Autorin für eine Lesung anständig bezahlt wird (was bei uns immer noch nur vereinzelt geschieht), hört man nicht selten: „Oh, es ist wie in Europa.
In Wirklichkeit gibt es jenseits von unseren Grenzen ein ganz anderes Europa –  das Europa der Krisenzeit, das Europa, das mit uns nichts gemeinsames haben will, das aussterbende Europa, wo es an Arbeitsplätzen und warmen Gefühlen mangelt, wo es an heißem Blut mangelt, das diesen Mix aus Geschichte und Geographie verdünnen könnte.  Dieses Europa hat Tausende verschwommene Identitäten. Es ist ein eitles und zugleich verwirrtes Europa, in dem es nebeneinander ausgezeichnete Aussichten und Trümmer einer mannigfaltigen und wunderschönen Welt gibt, einer Welt, die es gab, als Europa als solches erst im Werden war. Man kann nicht umhin zuzugeben, dass es damals am interessantesten war.  Die besten Straßen, Schlösser, Flüsse, historische Wenden, literarische Allusionen, Gegenstände, Kleidungs- und Möbelstücke, Intrigen und Traditionen leiten sich aus jener Zeit her.
Wir sind lebendig und hingerissen, vielleicht deshalb ist bei uns alles so kompliziert. Einen Platz in Europa haben wir, da werden wir gebraucht, wir brauchen jedoch ein imaginäres Paradies, ein Europa ganz um die Ecke, wo alles gut ist und wo wir in Kürze ankommen, um uns dort demütig zu ergeben, zu ruhen in Frieden und Eintracht    mit anderen Worten, wir brauchen ein Europa, das sich uns nie zuträgt. Europa als unerfüllbares Ziel. Als еin ewiges Reflexions- und Masturbationsthema. Wie alle normalen Träumer brauchen wir  in der Literatur, Kunst, Liebe,  im Geschäftsleben und in der Politik das Unerfüllbare. Und was wir brauchen, geschieht mit uns unausweichlich.

Aus dem Ukrainischen von Chrystyna Nazarkewytsch übertragen 



And here the English version of the essay:


Europe – Always somewhere just around the corner

Kateryna Babkina



Every society and culture has times and places where everything was or is better than here and now, where everything is more honest, simpler, more beautiful. It’s like an analogy for the paradises present in every religion, in every belief, in every sect’s teaching. In my country, older people look back on the Soviet era; and the truly old in the west of the country remember life in the magical “Polish days”, which is, in truth, more a memory of the Austro-Hungarian monarchy. Things were no different in times past – people would say that life was good “before the war”, “before the Soviet Union”, “in the Czar’s day”. There is also a simplified version that goes  “Now, in our times…”: this opening can mean virtually anything. Territorial units also feature – “where I grew up,” “now, in Kiev,” “when we worked in the USA” etc.

For us, the undisputed champion among all these pretty, experienced and concluded, spatial and local structures, where everything is better than here, is Europe. A Europe virtually impossible to grasp, both territorially and conceptually, a Europe where almost everyone has been at least  once; it’s there as soon as you cross the border – and you arrive in a place where everything is great.

In the Ukraine, anything with the attribute “European” has long had an almost sacred connotation. The phrase “European renovation”, meaning little more than walls painted white or a light colour, a new bathroom, new wall sockets, PVC windows and office lighting, raises the rental or sales price of the space based on some tacit agreement. Shops sell European carpets and European curtains, hoping to convince customers that these carpets and curtains are good. Pharmacies offer European service, and universities offer European education.  If an author is paid well for a reading (still a rare enough occurrence in the Ukraine), people often remark: “Oh, it’s like in Europe”.

In reality, beyond our borders, there is a very different Europe - the Europe in crisis, the Europe that wants nothing to do with us, the dying Europe lacking in jobs and warm feelings, where there is not enough hot blood to dilute this mix of history and geography.  This Europe has thousands of vague identities. It is a Europe both vain and confused, where excellent prospects and the ruins of a diverse and stunning world are juxtaposed, a world which existed when Europe as we now know it was still in the gestation process. We cannot help but admit that Europe was at its most interesting then.  The best roads, castles, rivers, historical turns, literary allusions, artefacts, items of clothing and furniture, intrigues and tradition come from that period.

We are lively and fascinated, perhaps that is why everything is so complicated in the Ukraine. We have a place in Europe, we are needed there; but we ourselves need an imaginary paradise, a Europe around the corner, where everything is good and where we will arrive soon to surrender humbly, to rest in peace and harmony – in other words, we need a Europe that never comes true for us: Europe as an unattainable destination; as an eternal subject of reflection and masturbation. Like all normal dreamers, we need the unattainable in literature, art, love, in business life and in politics. And what we need inevitably comes to be.



Translated from the Ukrainian by Chrystyna Nazarkewytsch and into English by Brenden Bleehen






 





 

1 Kommentar:

Elina Weber hat gesagt…

Wo kann man die Beiträge von Frau Babkina bei Focus oder Le Monde finden? Bitte um einen Link. Die Internetrecherchen blieben ergebnislos. Vielen Dank!